Die GSU trauert um Ruth Mohrmann

Die Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung hat mit Ruth Mohrmann, die am 29. Dezember 2015 mit gerade erreichten 70 Jahren gestorben ist, eine jahrzehntelange Mitstreiterin und Impulsgeberin verloren. Ruth Mohrmann hatte zwar in Kiel 1975 mit einer Fallstudie zum Volksleben im 16. und 17. Jahrhundert promoviert. Doch zum Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit wurde nach der Habilitation 1986 in Münster und einem Zwischenstopp in Bayreuth ihr langes Wirken an der Universität Münster, als Nachfolgerin von Günter Wiegelmann in der Leitung des Seminars für Volkskunde/Europäische Ethnologie, als Vorsitzende der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, als Prorektorin für Lehre, um nur einige Funktionen zu nennen. Bereits mit der Habilitationsschrift über die Wohnkultur zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert im Lande Braunschweig erweiterte sie ihren zeitlichen Horizont bis in die Gegenwart hinein und hatte seitdem immer stärker eine aktuelle gegenwartsbezogene Position der Volkskunde eingefordert und an vielen derartigen Themen geforscht.

Volkskunde/Europäische Ethnologie war in Ruth Mohrmanns Konzept immer eine der Geschichtswissenschaft in Theorien und Interessen eng verbundene Disziplin. So konnten in dem Münsteraner Umfeld, an dem ich einige Jahre teilhaben konnte, viele Impulse hin und her gehen und sich in konkreten Feldern verdichten, von denen insbesondere die Historische Ernährungsforschung, die Alltagsgeschichte und die Stadtgeschichte für den von ihr geführten interdisziplinären Dialog prägend wurden. Stellvertretend sei hier ihre Mitwirkung an der Buchreihe der GSU „Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung“ genannt. Sehr vielen unter den europäischen Stadthistorikern wird sie nicht zuletzt wegen ihrer Mitwirkung und Sichtbarkeit auf den großen Kongressen der European Association of Urban Historians  in Erinnerung bleiben. Wer wie ich sie dort seit Beginn der 1990er Jahre regelmäßig getroffen hat, hatte es mit einer immer kommunikativen, auch streitbaren Kollegin zu tun, deren Markenzeichen ihre wunderbar ausladenden Hüte waren. Sie fiel auf und ins Gewicht, und das war ihr recht und ihr ein Vergnügen. Ihre gleichzeitige Einfühlsamkeit habe ich selbst erfahren dürfen, als sie mich (noch nicht promoviert) nach einer Tagung auf einen nicht nebensächlichen Fehler in meiner Präsentation hinwies; aber sie tat das beim Spaziergang danach, ließ den Nachwuchshistoriker nicht vor allen anderen auflaufen. Das war im seinerzeit als Kampf definierten akademischen Feld eine gute, eine nachhaltige Erfahrung. Viele ihrer zahlreichen Doktoranden/innen, Habilitanden/innen, Mitarbeiter/innen, Kollegen/innen werden ähnliches erfahren haben, was auch in der schönen, Ruth Mohrmann zum 65. Geburtstag gewidmeten Festschrift über „Die Macht der Dinge. Symbolische Kommunikation und kulturelles Handeln“ zum Ausdruck kam. Im Januar 2015 hat der Landschaftsverband  Westfalen/Lippe bei der Weitergabe ihres Vorsitzes der volkskundlichen Kommission für Westfalen Ruth Mohrmann in einer Festveranstaltung mit rund 150 Wissenschaftlern/innen und Weggefährten/innen verabschiedet.

Clemens Wischermann (Konstanz)

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